Barfuß im Handstand

Life. Love. Sex. Peace. Hate. Sadness. Madness

A darker place has more room for light

Mit Walter altern

Weiß nicht genau,

Was du mir mitgegeben hast…

Weiß‘, dass ich mit Sicherheit

So Einiges in mir trage, von dir habe…

Als Knaben hatten wir womöglich

Den gleichen Blick,

Den ähnlichen Mund,

Die selben Vorbilder in anderen Gewändern.

Drei Jahre nach deinem Tod,

Begegnen wir uns wieder,

Weil ich es so möchte,

Weil du mich auf deine Art

Geliebt hast, das weiß ich.

Dies‘ Wissen nagelt zusammen

Für Zeiten,

Von denen ich noch keine Ahnung habe.

Sich mit Altbekannten treffen

Ich verbringe den Abend

Nicht mit dir,

Nicht mit dir hier,

Nein, und auch nicht mit dir da drüben.

Ruf‘ dich auch nicht an,

Du musst‘ dich auch nicht melden,

Oder gar beleidigt sein,

Wenn’s nicht klappen sollte.

Du und du und du bist ja da:

Literatur, Musik, und du da, also ich!

Free fall in

Ich geh‘ erst bei Dunkelheit

Dort im Unbekannten fühl ich mich sicherer,

Der Dialekt ändert sich,

Im Wesen der Phasen,

Im Dickicht des Paradoxen,

Ist das Seil gespannt,

Will begangen werden.

Wer fällt, der träumt,

Und darum geht es doch,

oder etwa nicht?

Der Ur-Knall

Der meiste Mensch,

Ist hineingeboren in den Alltag,

Das All ist das „ganze Umfassende“,

Jeder Tag im All,

Ist trocken ohne All,

Alles hat den Hang zum Geistlichen,

Letztendlich…

Der Mensch wäre gerne eine Spirituose,

Ist aber meistens wacklige Götterspeise,

Daher der Knall?!

Das allergrößte Problem

Es ist nicht die Vergesslichkeit,

Nicht die versandete Freundschaft,

Die unglückliche Liebe,

Die verweigerten Triebe,

Nein, es ist nicht das Geld,

Die Rückgrat-Schmerzen,

Die unvollendeten Träume,

Die Desillusion deiner Vision,

Es geht um’s große Ganze,

Alles hängt mit allem zusammen,

Leider,

Der Kleber heißt:

Unzufriedenheit.

Schulen

Durch die Schulen des Rebellen,

Durch die Anstalten eines Ehrgeizigen,

Durch die Verunstaltungen eines Geduldigen,

Noch immer wandere ich in den Schuhen meiner Ungeduld.

Bin verzagt, verwöhnt, verhext,

Verirre mich noch immer,

Verliere mit jedem Studium mehr,

Mehr an Reiz, Gespür

Und die Zuversicht wird verwischt.

Was dazu kommt: die Verantwortungspflicht.

Tapferkeit wird schlecht bezahlt,

Sämtliche Schulen nur um des Meisters Willen:

Vielleicht ab und an Meister Alltag besiegen zu können!

Erwachsen werden/sein

Das Gefühl des „Erwachsens“

Legt sich über mein Gewächshaus

Wie ein gläsernes Dach mit Giebel

Der Beschränktheit, über der

Schier luftdicht eine Plane

der Vernünftigkeit klebt.

Man sieht die Sterne zwar

Doch weiter weg scheinen sie,

Unklar ob Schutz und Sicherheit,

Oder Luftschutzbunker.

Viele flunkern und sagen:

Ja, so ist’s“

Bekomme weniger Frischluft

und rieche plötzlich so schlecht.

Gewaschen und dem täglichen Drill ganz Ohr,

Höre ich mich im Erwachsenenhaus beugen.

Unsereiner ist mit wenig zufrieden

Unendlichkeit

Verworfen blick‘ ich über den Tresen

Geworfen bin ich schon immer gewesen

Wir schmeißen uns die Bälle zu

Gewesen und am verwesen

Hab‘ nie die Erfahrung bereut

Zu klein gewesen, sagen bittr’e Leut‘

Im Wesen stolz und ewig bereit“

Steht auf meinem Banner

Großes Kreuz, großes Leid

Beharrlichkeit

Der Glaube an Unendlichkeit.

Alles was sich dreht bleibt

Ich streif die Kippe

Noch immer so wie sie’s dachte,

Dass es gut wird,

Dass es ein rundes Ende findet

Ein ruhiges Dasein verspricht

Sie ist lange, lange her

Trotzdem fällt es mir schwer

Abzuschließen, alles zu begießen

Mit jeder Drehung fehlt sie mir mehr.

Kommunikation

Wir werden altern ohne dieses Gesicht

Im besten Fall mit Zuversicht

Kein Gedicht ohne Schranken

Immer werden wir wanken

Mal mit mehr,

Mal mit weniger Aussicht.

Alles was bleiben wird

Kennen wir nicht

Es verschlägt uns die Sprache

Darum reden wir heute nicht.

Fliegend Zuhause

Möwen sind Kreaturen,

Die kreiselnd um Zentren

Schweifend über Gischt

Erhaben über jedes Gesicht

Ihre Linien fixieren

Ihre Punkte nicht aus den Augen verlieren

Unerhört ihre Schreie zelebrieren

Ihre Flügel schwingen, um anzukommen

Niemals Etwas stutzen,

Um darüber hinwegzukommen

Sie falten um des Schwunges Willen

Erkennen nur in der Höhe der Stille,

Dass der absolute Ort

Unerreichbar bleibt,

Und doch der größte Anspruch bleibt

Höher wollen sie nicht sehnen

Sie tun’s auch nicht aus Zeitvertreib

Sie tun’s ganz einfach deshalb

Weil ihnen nicht’s anderes bleibt

Sie wissen Bescheid,

Über das göttliche Einerlei

Freundschaft existiert nur aus Zwei.

Dick

Bei Wespentaillen vergällt es mir

Die Schönheit existiert

Keiner bezweifelt diese Sage

Es bleibt nur die Frage:

Zugeknöpft und in misslicher Lage

Oder einfach über Vieles erhaben?

Keiner kann’s so genau sagen

Viele tun’s sich’s an,

Um irgendwo anzukommen

Gesponnen und viel Zeit verronnen

Ausgenommen sie hat zugenommen.

Tand

Alles was bleibt,

Kommt irgendwann hoch,

Gibt dir nur widerwillig Bescheid,

Kommt nicht von irgendwo,

Hat Berechtigung zum Sein

Wirkt verbleicht,

Schade um’s Seelenleid

Dagewesen und nie bereut

Bedeutet niemals Seelenpein

Soll bedeuten:

Heiterkeit als Pfand

Für all den ganzen anderen Tand.

Enttäuschung

Klar werd‘ ich für dich da sein

Viel mehr an als Übermorgen denk ich nicht

Dein Gesicht wird womöglich Enttäuschung sein

Ich stell‘ mich jetzt gerade drauf ein

Deine Einzigartigkeit lässt mich erbleichen

Erröten in meiner unbefleckten Einsicht

Dies ist meine Zuversicht.

Wladimir Kaminer im Spiegelzelt: Ein Tausendsassa und Pfundskerl

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Deutschland hat allerlei Eigentümliches und viel Wunderbares zu bieten. Und Wladimir Kaminer nimmt uns mit auf eine unvergessliche Entdeckungsreise. Irrungen und Wirrungen, Erziehung, mittlere Reife, Lehrerinnen, die launisch wie Ziegenkäse sind, und legendäre Geschichten um sowjetische Kühlschränke. Klingt alles nach Alltag, ist es auch, das ist eben der unerschöpfliche Quell, aus dem Kaminer prächtig schöpft.

Kaminer will nicht belehren, niemals Ratgeber sein, er fängt Geschichten wie ein Schmetterlingssammler. Ob Sinn oder Unsinn ist nicht mal ihm so richtig bewusst, wie er des öfteren zugibt. Genau darum geht es bei ihm: loslassen und staunen, den Erziehungswahnsinn entschärfen, ganz gemäß der russischen Volksweisheit: „Wer wenig weiß, kann länger schlafen.“

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Er liest Kurzgeschichten aus seinem bisher noch unveröffentlichten Buch „Coole Eltern leben länger“. Mit herrlicher Selbstironie und eine ganz großen Portion Humor nimmt er sich, seine Kinder, über die er am allerliebsten spricht, seine Großmutter, sein Vaterland Russland und das deutsche Schulgebären auf die Schippe. Er regt sich über horrende Telefonrechnungen seines Sohnes, über das Pest-Referat seiner Tochter auf, er liebt überhaupt das schwer fassbare Thema Pubertät. Er spricht von Poesie, Peter Fox und Jim Morrison.

Kaminer plaudert aus dem Nähkästchen, der Zuhörer/Leser wird mit Legenden und Anekdoten überhäuft. Es geht ihm hauptsächlich um die Beobachtung und die daraus entstehende Erkenntnis („Das Gute ist mit dem Bösen verstrickt“). Wenn er zwischen den Kurzgeschichten anfängt zu plaudern, ist er ganz in seinem Element. Sein sympathischer Akzent ist die Gewürzmischung, mit der alles so urkomisch wird. Sein Motto lautet: „Man muss sich reiben an der Welt, um eine Persönlichkeit zu werden.“ Kaminer ist Familienvater, Schriftsteller, Veranstalter von Russendiskos, Tausendsassa. Er ist ein großer Stilist, ein Meister seiner Form, wahrlich eine kleine Form, die dem Roman jedoch in manchem überlegen ist. Kaminer ist ein Pfundskerl mit dem man ganz gerne mal den ein oder anderen Wodka trinken gehen möchte.

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Long live the bravest

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Dieser Song ist Tobias Lochbühler gewidmet. Am 19. Juli 2014 ist er mitsamt seiner Kletterpartnerin bei einer Bergtour auf das Zinalrothorn im Wallis verunglückt.

Fat Freddy’s Drop im Zirkuszelt: Wie die Max-Rebo-Band in Star Wars

Was für ein Abend! Über den Köpfen der feiernden Meute kondensierte der Schweiß am Zirkuszeltdach. fudder-Autor Jens Grosskreuz war mittendrin beim Gig von Fat Freddy’s Drop:

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Noch eine Zugabe mehr, noch ein Step Dub extra und das Kondenswasser wäre von der Zirkuszeltdecke auf jeden niedergeprasselt. Neuseeland bietet ja bekanntlich sehr viel, ist vielseitig wie ein Picknickkorb, auch beim Wetter pflegen die Insulaner gerne zu sagen: „You’ll never know“. Wenn man genau hinhört, kann man den versierten Musikern die Himmelsrichtungen, Gezeiten und Strömungen, die Wellington so einzigartig machen, abgewinnen.

Ich möchte von Sound-Eskapaden sprechen, da die heißgekochte Melange aus Dub, Reggae mit Club-, House- und Elektro-Attitüde, die auch vor Soulpop, Funk und jazzy Hiphop nicht Halt macht, wirklich zum Fliehen einlädt. Natürlich steht man begeistert vor der Sieben-Mann-Combo, lässt die Hüften kreisen, die Hände klatschen und wippt wie auch immer den Takt mit, doch im Kopf ist man schon längst irgendwo anders. Man driftet ab, hebt ab, gleitet schon mal durch düstere Gefilde, doch holen einen die hochmotivierten Bläser wieder aus der Versenkung. Der beflügelnde Name des neusten Albums ist Programm: Blackbird.

Musikpädagogen dichten der Amsel, der musikalisch wohl höchststehende Singvogel, so einiges an: Der „Blackbird“, so Musikwissenschaftler Heinz Thiessen, sei neben der überschätzten Nachtigall der talentierteste Komponist: „Die Spannweite des tonlichen Ausdrucks reicht vom Schlichtesten bis zum Differenziertesten, von reinen Dreiklangmotiven und diatonischen Intervallen in ausgeprägten Tonarten bis zur Chromatik und darüber hinaus bis ins tonartlich harmonisch Unfaßbare hinein.“

Mit allen Tricks und Raffinessen erinnern mich Fat Freddy’s Dropein wenig an die mysteriöse Max-Rebo-Band aus Star Wars. Man gerät in Trance, man verfällt geradezu ihrem musikalischen Charme. Vorne steht eine Reinkarnation von Miles Davis, der wohlbeleibte Posaunist sorgt für witzige Körpersprache, der Sänger bezirzt einen mit seiner Lullaby-Stimme zum Loslassen, zum Davonfliegen, zum Träumen. Ich denke, dass ich im Sinne eines jeden glücklichen Zuschauers des jetzt schon in die ZMF-Geschichte eingehenden Gigs spreche, wenn ich sage: Fat Freddy’s Drop sind live so einzigartig wie ihr Herkunftsland. Man schreibt dem Blackbird, der Amsel, schon immer magische Kräfte zu.

Canned Heat im Zirkuszelt (ZMF): Die Großfürsten des Boogie

Neben Joe Cocker und Neil Young gibt es nur noch Canned Heat, die schon auf dem legendären Woodstock ’69 spielten und noch immer auf Tour sind. Weil Jeff Beck, der ursprünglich aufs ZMF kommen sollte, wegen Krankheit kurzfristig alle Termine cancelte, war im ZMF-HQ Eile geboten. Sie wollten zunächst Johnny Winter rekrutieren – auch ein Woodstocker – doch der verstarb vorgestern. So stand das Konzert von Anfang an unter einem wirklich bluesigen Stern.

Canned Heat

 

Canned Heat (wortwörtlich: „Eingemachtes“ – das ist ein Slangausdruck für Fusel!) ist wieder „on the road again“. Mit diesem Klassiker erinnern sie gleich zu Beginn daran, dass dieser Track in Deutschland anno ’68 über acht Wochen unter den Top 20 war. Die helle Stimme (jetzt vom Drummer täuschend ähnlich nachgeahmt) und das ausdrucksstarke Harmonikaspiel machen den Canned Heat-Klang unwiderstehlich unverwechselbar. Doch brauchen wir diesen Altherrenblues?

Der „Rolling Stone“ schrieb schon Mitte der Siebziger über die passionierten Blues-Liebhaber, es sei der „verzweifelte Versuch alternder Rock’n’Roller, am Ball zu bleiben“.

Na klar sind die Großfürsten des Boogie etwas unbeweglich geworden, auch die Bühne ist spartanisch reduziert auf’s Wesentliche. Allerdings tut das dem Blues und vor allem dem Boogie keinen Abbruch. Der letzte Song „Let’s have a good time“erstreckt sich mit Zugabe und Soli auf knapp zwanzig Minuten.

Gelernt ist gelernt: Die Soli öffnen die Kinnlade, während Bass und Drum so harmonieren als wären sie aus einem Guss. Was alles in Los Angeles im Jam und anfing, ist jetzt Bluesgeschichte – Musikgeschichte. Canned Heats einmalig nerviger Sound legt sich wie ein guter Salbenumschlag auf die alten Knochen und verspricht Wohlsein, nicht mehr und nicht weniger.

Everlast im Jazzhaus: Ein Minnesänger mit gefährlichem Anschein

Manche Musiker bleiben ihr gesamtes Künstlerleben dem ein und selben Genre treu und das ist auch gut so. Ein Konzeptalbum kann eine feine Sache sein. Sie funktionieren kurz (man denke anHeinos neusten Wurf zum Beispiel), doch wollen sie überleben, darf es nicht an Originalität mangeln. Ich denke, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupte: Everlast aka Whitey Ford aka Eric Schrody hat die Rolle seines Lebens gefunden.

Der Meister

Mit dem frischen Album „The Life Acoustic“ im Gepäck schlurft er auf die schlichte Bühne. Ein kleines Tischlein mit diversen Getränken, Handtüchern (megaschwüles Jazzhaus eben), das ausladende Yamaha E-Piano und natürlich die fantastischen Gibson Westerngitarren. Everlasts Brillanten im Ohr funkeln im Licht, seine weißen Handschuhe ragen aus der Hosentasche, Nike Air geben ihm Bodenhaftung

Everlast schürft vom ersten Song an Tiefgang, es ist ihm augenscheinlich ernst mit seiner Kunst, die er ganze zwei Stunden ohne viel Motivationsgedudel stolz präsentiert. Er hat einiges zu erzählen. Seine unverwechselbare Klangfarbe, seine Grizzly-Stimme (da fällt mir ad hoc nur Mark Lanegan und Tom Waits ein) ist ein prächtiges Gewand für allerlei Geschichten einer merkwürdigen amerikanischen Sozialisation – „White trash beautiful“ und „Working class hero“ (John Lennon) – er raunt von knochentiefen Schmerzen. But his „Back is strong“. Jetzt zieht er seine Sonnenbrille aus.

Mehr oder weniger hat er sich seit dem Austritt aus seinen frühen Bands wie House of Pain und La Coka Nostra sowie nach verbalem Clinch mit Eminem vom Baby-Yo-Bühnenhüpfer-Stil abgekehrt. Trotzdem bleibt da ein Rapper, ein Verseschmied – einMinnesänger mit gefährlichem Anschein. Das Thema Liebe und Dankbarkeit stehen dem Muselmann (1998 konvertiert zum Islam) mit irischen Wurzeln ausgezeichnet. Everlasts Kunstgriff ist die Entschleunigung. Hie und da groovt er mit seinem Tastenmann, dann neigt man schon mal zu „Jump around“. Blues- und Jaz-Neigungen, als wäre man in einem Saloon, legen sich mit Leichtigkeit auf das Derbe von Singer-Songwriter Everlast.

Darf man das Konzert, das Album mit einem herzerwärmenden körperreicher Rotwein vergleichen? Klavier (also: E-Piano), Gitarre und eine überbreite Stimme erreichen ein tiefbegeistertes Publikum. Er klingt nach, alles an ihm hat viel Resonanz. Nimm dir Zeit für Umwege, sie bringen dich sicherer ans Ziel.

Der Mensch ist ein psychologisches Kuriosum

Auf Generalprobenbesuch: Die Theatergruppe „Schall & Rauch“ spielt Tschechows „Die Möwe“

Knapp zwei Monate harte Vorbereitung, selbstgezimmerte Requisiten, selbstentworfene Plakate (die übrigens ständig geklaut werden) und ein hochmotiviertes Arbeitsklima: Die versierte Freiburger Theatergruppe Schall & Rauch erhebt heute Abend die Premiere ihrer neuen Produktion Die Möwe nach Anton Tschechow. Geboten wird keine historische Inszenierung, sondern eine dynamische Performance höchster Aktualität.


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Jammern und Schaudern, Heldentod, eben große Dramatik: Die Elemente des klassischen Dramas wollte Tschechow so gut es geht vermeiden. „Ich wollte etwas ganz anderes. Ich wollte einfach und ehrlich sagen: schaut euch an, seht doch, wie schlecht und langweilig ihr euer Leben führt!“ ließ der Großmeister verlauten, nachdem die Uraufführung 1896 zunächst auf viel Ablehnung stieß. Weg von der Rührseligkeit und hin zur humorvollen Groteske (Tschechow setzte wohlüberlegt die Gattung der Komödie unter seinen Titel).

Genau so will es das Regisseur-Duo Jonas Schneider und Lukas Große-Kleimann, die sich technisch und inszenatorisch bestens ergänzen, vermitteln. Die Frage ist, wie kann man eine Identifikation mit dem Zuschauer erreichen, wenn nahezu das ganze Inventar an Protagonisten unsympathische Egomanen sind?

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Durch Abwechslungsreichtum! („Wir brauchen neue Formen!“) Das Publikum sitzt nicht wie gewöhnlich einfach nur vor der Bühne, es ist Teil des Geschehens. Die unsympathischen Charaktere werden vielseitig beleuchtet und teilweise von mehreren Schauspielern in Szene gesetzt. Die Personen stehen im Vordergrund, nicht die Story.

Die Schauplätze des Vierakters sind wie kleine verstreute Inseln im Theaterraum verteilt und nehmen damit die Isolation der hochgetriebenen Individualisten vorweg. Paralleles Spielgeschehen pulsiert authentisch. Die Dialoge um Lethargie, Weltschmerz, den Begriff der Kunst und natürlich Liebe tendieren zu Monologen. Die Sucht nach Ruhm und Glanz in einer Wohlstandsgesellschaft, die der Sinnlosigkeit und dem Schwermut des Lebens zu entfliehen versucht, führt zum Dilemma des Individualisten. Jeder ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, hegt große Erwartungen, ist in seinen Problemen derart verhakt, dass er unfähig ist, aus seinem vermeintlichen Unglück herauszutreten („Ich weiß nicht, worin meine Berufung besteht“). Dialogfreie Szenen machen den Eindruck als wäre die Gemeinsamkeit endgültig verschwunden. Reden viel, aber handeln wenig. Der ein oder andere Zuschauer fühlt sich bestimmt ertappt.

Durch „krasse Teamleistung“ und ein Gemisch aus Schöpfungslust und Konzentration, so Regisseur Jonas Schneider, wuchsen der zeitlosen und aktuell oft aufgeführten Möwe Flügel. Man sollte das Chaos überfliegen, für sich und für andere, die vielleicht darunter leiden; mal die Vogelperspektive einnehmen und einsehen wie absurd manch ein hochgetriebener Individualismus doch ist. Wie paradox es doch klingen mag: Die Möwe holt einen mit dieser beflügelnden Inszenierung zurück auf den Boden der Tatsachen. Ein Schauspiel. Eine Inspiration. La grande bellezza.

Die Möwe“ der Theatergruppe Schall & Rauch ist im Theatersaal der alten Uni zu sehen. Karten für den 28. und 29. Juni sowie den 4./5./6. Juli gibt’s bei der Buchhandlung Schwanhäuser.

 

Mal Meeresrauschen, mal Donnerwetter: The Brew im Jazzhaus

Schlagzeug, Bass, Gitarre – mehr braucht das Classic-Rock-Trio The Brew aus der englischen Küstenstadt Grimsby nicht, um das Jazzhaus mal mit Meeresrauschen, mal mit Donnerwetter zu beglücken. fudder-Autor Jens Grosskreuz war dabei:

„Wie entsteht die Live-Energie, für die wir bekannt sind?“, fragte sich Sänger und Gitarrist Jason Barwick von The Brew, als man ihn in einem Interview auf das Geheimrezept ihrer neuen Platte Control anspricht. Schlagzeug, Bass und Gitarre stehen im Mittelpunkt, ohne das ganze Drumherum!

Man möchte sagen, dass das Trio aus der Küstenstadt Grimsby (UK) mittlerweile alte Bekannte sind, immerhin rocken sie Freiburg jährlich. Ein bisschen ist es auch Heimspiel, da das Label Jazzhaus Records Mutterschiff ist. Sie beherrschen ihr Handwerk wie alte Hasen, müssen sie auch, denn bei der Freisetzung diesergewaltigen Energie, ist Taktgefühl unabdingbar.

Dass das Gang und Gäbe ist, beweist der Drummer Kurtis Smith in einem überragenden Solo. Überragend deshalb, weil er die bis dahin gekannten Solonummern mit einer Originalität durchboxt, so dass einem die Ohren schlackern. Er schmeißt die Sticks weg, jetzt braucht’s nur noch die Hände. Ein Uhrwerk, eine Maschine. Vergesst die Drum-Computer! Smith ist authentisch.

Im Vergleich zum fliegenden Classic-Rock-Trio kommt die Vorband Kamchatka eher gesetzter daher. Mit Rauschebart, Halfbeat und Balladen frönen sie rollendem Blues. Die älteren Sympathie-Bolzen aus Schweden verbinden den Boogie schon mal mit Schlepprock. Dann aber jagt die helle und hoffnungsvolle Stimme des Sängers Thomas Andersson die Gitarre, oder war es andersherum?

Starke Einflüsse namens Hendrix, Lynyrd-Skynyrd, späte 60er und 70er aber auch Stoner-Rock wie Kyuss ergeben einen dynamischen Breitwand-Sound. Sie überzeugen mit mehr Eigenwilligkeit und Charakter als die Hauptband. Ein Glück sie als Vorband gesehen zu haben.

Thomas Andersson kommt während der Zugabe von The Brew nochmal mit Beck’s in der Hand auf die Bühne und bedankt sich beim Sänger Barwick mit Umarmung, dem Publikum lässt er verlauten: „Thank you so much Freiburg, thank you so much you Brew-guys for opening our wings.“ Es geht um ein gute Nachbarschaft, auch wenn sie laut ist.

Einer der Knaller heißt „Every gig has a neighbour“, was soviel bedeuten mag: Dreht den Sound so laut auf wie ihr könnt, es gibt immer einen, dem es nicht passt. Barwick schreit ins Mic: „Fuck off!“ Ansage. So geht’s dann auch weiter. Diese Band findet keine Ruhe, nicht einmal in Schmusestücken, dort prescht irgendwann einmal die Gitarre durch.

Highlights sind die ausladenden, verzweigten Instrumental-Stücke. Barwick nimmt den lädierten Geigenbogen und entlockt seinem Schmuckstück mal Meeresrauschen, mal Donnerwetter. Rückkopplung und Applaus geben sich die Hand. Das Publikum schäumt, es ist bockheiß vorne, es wird getanzt, eine kräftige Stimme meldet sich, während die Wucht ausnahmsweise mal ausklingt, mit „Vollgas!“.

Barwick geht vom Wasser über in Weißwein. Auf ex versteht sich. Jetzt kommt ihre große Stärke, ihr Ursprung zutage. „This is for you Freiburg!“ Die Band bedankt sich mit „Whole lotta love“ und weiteren Interpretationen von Led Zeppelin. Man wird entlassen mit Ohrwurm. Ausgestattet mit Metronom. Vor drei Jahren ging ich davon aus, dass sie musikalisch-künstlerisch ihren Zenith erreicht haben. Im Jazzhaus wurde ich des besseren belehrt. Nach oben hin ist immer Platz.

Song of Waitaha

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